• Astrid Schilcher

Hauptsächlich „Stärken stärken“ produziert bestenfalls Mittelmaß

Updated: Feb 8


Viele Business Coaches predigen aktuell das Mantra des „Stärken stärkens“. Positive Verstärkung und Fokus auf die positiven Ressourcen als Garant für Erfolg und Motivation. Ich halte das offen gesagt für Blödsinn.


Wer sich hauptsächlich auf seine Stärken konzentriert, wird über Mittelmaß nie hinauskommen

Stellen wir uns einen Profi-Tennisspieler vor, dessen Stärke eindeutig in der Rückhand liegt, während seine Vorhand stark ausbaufähig ist. Wenn sein Trainer mit ihm nun fast ausschließlich an der Rückhand arbeitet, wird aus unserem Tennisspieler wohl nie ein Dominic Thiem.


Dominic weiß, was er kann. Was er nicht kann interessiert ihn aber mehr“, bringt sein Trainer, Günter Bresnik, auf den Punkt, worum es eigentlich jedem, der erfolgreich sein will, gehen muss.


Um in der Businesswelt zu bleiben: Ein Verkäufer, der gut darin ist, Termine zu bekommen, eine Beziehungsebene aufzubauen, Kundenbedürfnisse zu erheben und sein Angebot ansprechend zu präsentieren, der dann aber aufgrund seiner Abschluss- und Verhandlungsschwäche das Geschäft doch nicht macht oder viel zu hohe Preisnachlässe gibt, wird sich wesentlich stärker weiterentwickeln, wenn er an seinen Defiziten arbeitet als daran, seine Stärken weiter auszubauen. Ohne seinen Schwächen ins Gesicht zu sehen und an diesen zu arbeiten, wird aus unserem Beispielverkäufer nie ein Top-Verkäufer.


Selbstverständlich ist es auch wichtig, sich seiner Stärken bewusst zu sein und diese optimal einzusetzen. Aber Stärken in der Arbeit an seiner fachlichen und persönlichen Weiterentwicklung ein Übergewicht einzuräumen ist ein Garant für bestenfalls Mittelmaß.


„Stärken stärken“ ist nicht motivierend, sondern entmündigend

Dass der Fokus auf die eigenen Stärken auf Dauer motivierender sei, halte ich ebenfalls für eine Mähr. Unser Tennisspieler würde rasch erkennen, dass seine Weiterentwicklung damit äußerst beschränkt ist und unser Verkäufer wird nie das Erfolgsgefühl erleben, in einer schwierigen Verhandlung das Optimum für sein Unternehmen herausgeholt zu haben. Sich hauptsächlich auf seine Stärken zu konzentrieren mag eine Zeit lang lustig sein, nachhaltige Erfolgserlebnisse, die einen stolz machen, resultieren aber daraus, dass man seinen Schwächen ins Gesicht geschaut und diese überwunden hat.

Coaches, die meinen, dass Menschen nur durch die lustige Beschäftigung mit ihren Stärken zu motivieren seien, sprechen diesen Kritikfähigkeit, Kampfgeist und Bereitschaft, für die persönliche Weiterentwicklung harte Arbeit zu leisten ab. Dieses Menschenbild empfinde ich als traurig.


Die Welt, dieses Land und die Wirtschaft brauchen Menschen, die mehr wollen als Mittelmaß und die bereit sind, den eigenen Defiziten ins Auge zu sehen und an diesen zu arbeiten. Es ist somit höchste Zeit, sich von gefälligen Plattitüden wie „Stärken stärken“ zu verabschieden.

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